Die geistige Verwandtschaft von
"Ausgerechnet Alaska"
Die Kartografie der skurrilen Stadt und der architektonische Bauplan des "Ökotons"
"Ausgerechnet Alaska" war bei seiner Erstausstrahlung in den frühen 1990er Jahren weit mehr als eine typische Fernsehserie; es war ein kultureller Nexus, der das Netzwerkfernsehen mit literarischem Realismus, Psychologie und einer Poesie des Absonderlichen infundierte.
Die Ausgangssituation ist bekannt: Dr. Joel Fleischman, ein frisch graduierter New Yorker Arzt, wird als Gegenleistung für sein Stipendium in die abgelegene, alaskanische Provinz versetzt – ein klassischer "Fish-out-of-Water"-Aufbau. Doch die Serie fand schnell ihre wahre Bestimmung, indem sie diese einfache Komödie hinter sich ließ und sich zu einem tiefgründigen Vehikel für philosophische und spirituelle Erkundungen entwickelte, das die "seltsame, verrückte und geistige Welt von Cicely" darstellte.
Die Kernidee: Akzeptanz des Symbolischen und Surrealen
Wir wollen einen nostalgischen Blick auf "Ausgerechnet Alaska" und ihre genreübergreifenden Zeitgenossen und Erben werfen: Die Kernidee der spirituellen Verwandtschaft liegt in der gemeinsamen Bereitschaft, das Übernatürliche oder Surrealistische nicht als bloßen Plot-Gimmick, sondern als integralen Bestandteil der menschlichen Psyche und Realität zu behandeln. Die Serie (Schöpfer: Joshua Brand und John Falsey) wird in der Tat als eine zutiefst Jung'sche Show bezeichnet, die ausgedehnte Traumsequenzen, Märchenmotive und archetypische Begegnungen verwendet.
Es ist bemerkenswert, dass "Ausgerechnet Alaska", "Picket Fences" und "Twin Peaks" alle in den frühen 90er Jahren debütierten und den traditionellen Realismus des Network-Fernsehens herausforderten. Der immense Erfolg von "Ausgerechnet Alaska", das 27 Auszeichnungen gewann, darunter zwei Golden Globes und zwei Emmys für die Beste Serie, ebnete den Weg und legitimierte dieses hochkomplexe Format, dessen Erbe später in Prestige-Kabelserien wie "Six Feet Under" fortgeführt wurde. Die Verwandtschaft ist somit nicht zufällig, sondern architektonisch: Alle betrachteten Serien nutzen den Mikrokosmos als Schmelztiegel für universelle psychologische und existenzielle Themen.
Die tiefste Verbindung lässt sich durch den Begriff des "Ökotons" erklären – ein Konzept, das die Überlappungszone zwischen zwei unterschiedlichen Ökosystemen beschreibt. Im Kontext des Fernsehens, abgeleitet von Analysen zu "Six Feet Under", definiert das Ökoton jenen narrativen Raum, in dem das Übernatürliche und das Psychologische untrennbar miteinander verschmelzen. Hier brechen die Gesetze der Rationalität nicht willkürlich zusammen, sondern spiegeln die innere Komplexität der Charaktere wider.
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"Twin Peaks": Die dunkle Seite der White Lodge
(1990-1991)
"Twin Peaks" ist nicht nur der Klassiker des surrealen Mystery-Dramas von David Lynch und Mark Frost, es ist das dystopische Spiegelbild von "Ausgerechnet Alaska". Beide Serien sind die hellen und dunklen Zwillinge desselben geografischen Raumes: Die Drehorte Roslyn und Snoqualmie Falls beider Produktionen liegen im selben US-Bundesstaat Washington.
David Lynch selbst kommentierte einmal lapidar, es sei "alles reiner Zufall!", dass berüchtigte Massenmörder wie Theodore "Ted" Bundy und Gary Leon Ridgway ("Green River Killer") in exakt derselben Region wüteten.
Beide Serien sind von starkem Lokalkolorit und überzeichneten Typen geprägt. Aber während Cicely – selbst auf den zweiten Blick – fast ausschließlich von Philanthropen bevölkert ist und die "White Lodge" repräsentiert (einen Ort der Heilung und spirituellen Erkenntnis), durchleuchtet Lynch gnadenlos die Dunkelheit unter der Fassade der Bewohner von "Twin Peaks". Dies untermauert Lynchs berühmte philosophische Beobachtung: "Wenn man hinter die Fassade dieser schönen Welt schaut, krabbeln immer rote Ameisen hervor". Lynch offenbart die menschlichen Abgründe und dunklen Geheimnisse, und die Absurdität der Ereignisse verhindert, dass die Kleinstadt in sentimentale Harmlosigkeit abdriftet. "Twin Peaks" ist das Portal zur "Black Lodge" – einem Ort des kosmischen Horrors und der generationsübergreifenden Schuld.
Dass den Machern von "Ausgerechnet Alaska" diese scharfe Kontrastierung vollkommen bewusst war, belegt eine liebevolle, fast überdeutliche Reminiszenz in der fünften Episode der ersten Staffel ("Ein altes Stammesheilmittel").
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In einer unheilvollen, nebulösen Szene, der wie ein Echo der Snoqualmie Falls wirkt, beobachten Joel, Elaine und Holling an einem abgelegenen Wasserfall eine rätselhafte Frau, die einen Holzscheit im Arm trägt: eine unverkennbare Paraphrase der "Log Lady". Zeitgleich schwillt eine jazzig-mystische Musik an, die so deutlich im Klangspektrum von Angelo Badalamentis Kompositionen liegt, dass die Referenz unmissverständlich ist. Die Figuren geraten in einen tranceartigen Zustand, schnippen mit den Fingern, und Holling versinkt in wirres, pseudo-orakelhaftes Gerede. Schließlich verlangt der völlig irritierte Dr. Fleischman nach "Kirschkuchen" – Agent Coopers legendärer Leibspeise. Diese Sequenz ist jedoch mehr als nur eine Anspielung; sie ist eine gezielte ästhetische Standortbestimmung. "Ausgerechnet Alaska" zitiert die Ikonografie des Lynch'schen Universums, um sie unmittelbar ihrer düsteren Metaphysik zu entkleiden. Was bei Lynch unergründlicher Abgrund ist, wird im Mikrokosmos von Cicely zur versöhnlichen Skurrilität transformiert. Die Hommage markiert damit präzise, wo sich die Serie positioniert: als dessen heiteres, philosophisches Kontrapart, nicht als dessen düster-surrealer Zwillingsbruder.
Der enthusiastische Anti-Fleischman
Beide Serien teilen die klassische "Fisch-aus-dem-Wasser"-Prämisse: Ein Mann der Zivilisation wird in die Wildnis geschickt und trifft auf eine Gemeinschaft von exzentrischen Sonderlingen.
Doch während Dr. Joel Fleischman (der Zyniker) mit der Kälte, Elchen auf der Straße und dem Mangel an Bagel-Läden kämpft, wird FBI-Agent Dale Cooper (der Enthusiast) mit weit Rätstelhafterem konfrontiert: der Log Lady, dem Mord an Laura Palmer und einer Kleinstadt, die auf einem metaphysischen Abgrund tanzt. Dale Cooper ist der Gegenentwurf zu Joel: Er liebt die Natur, den legendären Kirschkuchen und den "verdammt guten Kaffee". Er taucht nicht widerwillig, sondern mit kindlicher Begeisterung in die Geheimnisse ein.
Die Dämonen: 'Der Grüne Mann' vs. 'Der Mann aus einem anderen Ort'
In "Ausgerechnet Alaska" ist das Surreale meist schrullig oder weise. Nehmen wir Ed Chigliak, der auf seinem Weg zum Heiler von seinem persönlichen Dämon heimgesucht wird: dem "Grünen Mann". Dieser Dämon ist, wie sein Mentor Leonard erklärt, die Wurzel fast allen Übels: "mangelndes Selbstwertgefühl". Diese kleinwüchsige, koboldhafte Gestalt haust mit anderen "individuellen Dämonen" (wie "Externe Bestätigung") in einer versteckten Wohnwagensiedlung. Leonard warnt Ed, dass "geringes Selbstwertgefühl praktisch die Wurzel allen Kummers und Schmerzes in der Welt ist. Es ist die Triebfeder von Krieg, Folter und Völkermord." Niemand kann Heiler sein, solange der "Grüne Mann" ihn im Griff hat.
"Twin Peaks" nimmt diese Idee und ersetzt die therapeutische Parabel durch reinen Albtraum. Hier sind die Dämonen keine Metaphern mehr, die man durch Selbstliebe besiegt, sondern kosmische Kräfte. Die finstere Entsprechung zum "Grünen Mann" ist "Der Mann aus einem anderen Ort" ("The Man from Another Place"), die rätselhafte, zwergenhafte Erscheinung, die im mysteriösen "Red Room" rückwärts spricht. Er ist kein Dämon des Selbstzweifels, sondern ein Bote aus einer anderen Dimension. Er ist Teil des unlösbaren Rätsels.
Die Charakter-Spiegel: Die Seele der Stadt
Die direktesten und amüsantesten Parallelen finden sich im direkten Vergleich der Stadtbewohner – vom moralischen Zentrum bis zum philosophischen Rand.
Der Anker der Gemeinschaft (Sheriff Truman vs. Holling Vincoeur):
Auf den ersten Blick scheinen der Sheriff und der Barkeeper verschieden, doch sie sind die identischen moralischen Anker ihrer Städte. Sheriff Harry S. Truman ist das unerschütterliche, anständige Herz von "Twin Peaks" – der Fels, an dem sich Cooper festhält, während um ihn herum Korruption und Dunkelheit herrschen.
Exakt diese Rolle füllt Holling Vincoeur in Cicely. Er ist der ruhende Pol und das Gewissen der Stadt. "The Brick" ist, genau wie das Sheriff's Department in "Twin Peaks", der zentrale, sichere Hafen, an dem alle zusammenlaufen. Beide Männer sind bodenständige Patriarchen, die von einer komplexen Vergangenheit geplagt werden (Trumans Liebe zur geheimnisvollen Josie; Hollings Angst vor dem Erbe seiner kannibalischen Vorfahren).
Der spirituelle Mentor: Hawk vs. Leonard Quinhagak
In der Gegenüberstellung beider Serien zeigt sich eine der subtilsten Spiegelungen: bei jenen spirituellen Wächtern, die zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt vermitteln. Sowohl "Twin Peaks" als auch Cicely besitzen eine Figur, die wie ein archaisches Scharnier zwischen den Sphären wirkt – nur mit völlig entgegengesetztem Ausschlag.
Deputy Hawk ist in "Twin Peaks" weit mehr als ein Polizist. Als Mitglied der Nez Perce verkörpert er das lebendige Gedächtnis einer Mythologie, die den metaphysischen Hintergrund der Serie trägt. Er liest Spuren, Symbole und Schwellenräume, entschlüsselt die Karte zur Black Lodge und begleitet Cooper mit stoischer Ruhe, die im Schatten des kosmischen Horrors wie ein stiller Anker wirkt. Hawk bewacht die Grenze – wissend, dass sie nicht immer zu halten ist.
Leonard Quinhagak erfüllt in "Ausgerechnet Alaska" dieselbe archetypische Rolle, nur in einem gänzlich anderen Register. Als Schamane und Heiler ist er Hüter alten Wissens, doch Cicely verwandelt diese Weisheit nicht in Warnung, sondern in Entwicklung. Während Hawk Cooper durch die Finsternis führt, leitet Leonard Ed Chigliak auf den Pfad des Schamanen – eine Reise, die nicht in den Albtraum, sondern in Selbstannahme und Weitblick mündet. Indem er Ed dem „Grünen Mann“ gegenüberstellt, der personifizierten Wurzel des Selbstzweifels, zeigt Leonard, wie Spiritualität zur Integration statt zur metaphysischen Überwältigung führt.
Der Unterschied zwischen beiden Mentoren spiegelt die Philosophie ihrer Serien. Hawks Weisheit ist ernst, fast mahnend, durchdrungen von der Präsenz des Bösen; Leonards ist humorvoll, pragmatisch und tief im Alltag Cicelys verankert – ein Werkzeug, um innere Dissonanzen zu heilen, nicht um den Abgrund auszuleuchten. Ihre jeweilige soziale Stellung verdeutlicht, wie die Serien ihren Mythos gestalten: Hawk ist ein respektierter Teil des Sheriff’s Departments, dessen Rolle zwar anerkannt, aber selten ganz verstanden wird. Leonard hingegen bewegt sich selbstverständlich zwischen Tradition, Gemeinschaft und Praxis – ein spiritueller Profi, der genau weiß, wie man Menschen wieder zusammensetzt.
Beide verkörpern denselben Archetyp, doch ihre Welten verleihen ihm gegensätzliche Farben. Hawk führt durch die Schwärze einer Realität, in der das Unheimliche bedrohlich flackert; Leonard zeigt, dass das Unheimliche auch zu Erkenntnis und Heilung werden kann. So offenbart sich im Vergleich der Mentoren, was beide Serien im Kern trennt: "Twin Peaks" blickt in den Abgrund, "Ausgerechnet Alaska" ins Licht.
Der philosophische Exzentriker (Dr. Jacoby vs. Chris Stevens):
Der Psychiater Dr. Lawrence Jacoby ist das dunkle Analogon zu Cicelys Radio-Philosoph Chris Stevens. Während Chris Wärme und existenzielle Zuversicht ausstrahlt, ist Jacoby ein zynischer, wenn auch weiser Führer durch die Psyche der Stadt. Er sitzt im Hawaiihemd, mit rot-blauen Brillen, um "die Farbtöne noch zu verstärken", und nippt an bunten Mixgetränken.
Wo Chris das Leben feiert, liefert Jacoby Zitate von tiefster existentieller Angst: "Was ist das anderes als ein Schild, das uns vor dem unheiligen Terror schützt, uns selbst so zu erblicken, wie wir wirklich sind… ahnungslos und zum Tode verurteilt?". Sein surrealer Moment, dem wohlhabenden Ben Horne zu helfen, eine Wahnvorstellung zu überwinden, indem er selbst General Ulysses S. Grant imitiert, ist der Gipfel der therapeutischen Absurdität.
Der zornige Wahrheitssprenger: Das cholerische Genie als narrative Waffe (Dr. Albert Rosenfield vs. Adam)
Hier findet sich eine der direktesten und erhellendsten thematischen Überschreibungen im Fernsehen der 90er. Dr. Albert Rosenfield, der FBI-Pathologe aus "Twin Peaks", und Adam, der mysteriöse Koch aus "Ausgerechnet Alaska", verkörpern eine nahezu identische Figur: das cholerische, hyperintelligente und zutiefst zynische Genie, dessen missionarischer Eifer darin besteht, die naive Sentimentalität und intellektuelle Trägheit seiner Umgebung mit der Brechstange der Wahrheit zu konfrontieren.
Beide sind sie narrative Waffen, die eingesetzt werden, um die Fassaden ihrer jeweiligen Gemeinschaften einzureißen. Adam verachtet kulinarische Mittelmäßigkeit als Beleidigung des menschlichen Daseins; Rosenfield verachtet menschliche Dummheit und Inkompetenz als Krebsgeschwür der Zivilisation. Ihre Aggression ist jedoch nie ziellos, sondern stets instrumenteller Zynismus: Sie ist das Werkzeug, mit dem sie die Welt nach ihrem strengen, unnachgiebigen Kodex von Qualität und Rationalität zurechtbiegen wollen.
Der tiefgründige Unterschied offenbart sich im Grad der Menschlichkeit, den die Serien ihnen zugestehen: Adam wird trotz seiner unerträglichen Arroganz letztlich als schrulliger Exzentriker inszeniert, dessen Cholerik in der warmherzigen Welt von Cicely gebrochen wird. Seine Boshaftigkeit ist oft komisch, und durch seine Beziehung zu Eve erhält er eine menschliche, sogar verletzliche Dimension. Sein Genie bleibt gefährlich, aber letztlich domestizierbar.
Dr. Rosenfield hingegen ist die dystopische, ungebrochene Version dieses Archetyps. Er ist der Zyniker in einer Welt, die seinen Zynismus täglich zu rechtfertigen scheint. Seine berühmteste Szene – die moralische Umkehrung "Ich liebe Sie, Sheriff Truman" – ist der Höhseiner Philosophie. Hier wird klar: Seine Aggression ist nicht einfach nur Charakterschwäche, sondern Ausfluss eines radikalen, fast unmenschlichen Idealismus. Er hasst die Dummheit so absolut, dass er seine Gegner mit einer pervertierten Form von Nächstenliebe überziehen muss, um seinen eigenen Seelenfrieden zu wahren. Er ist der unheilige Mönch einer Religion der reinen Vernunft.
Beide Charaktere dienen demselben Zweck: Sie sind die unangenehme, aber notwendige Stimme der ungeschminkten Realität in Gemeinschaften, die sich in Gemütlichkeit (Cicely) oder heuchlerischer Moral (Twin Peaks) einrichten wollen. Doch während Adam am Ende in die Gemeinschaft integrierbar bleibt, steht Rosenfield als ihre dauerhafte, unversöhnliche Anklage – der Beweis, dass wahre Intelligenz in einer fehlerhaften Welt unweigerlich in unerträglicher Arroganz münden kann.
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"Picket Fences": Juristische Absurdität in Rome, Wisconsin (1992-1996)
Wer Cicelys einzigartigen Cocktail aus philosophischer Tiefe, zwischenmenschlichen Dilemmata und versponnener Skurrilität liebte, wird sich in Rome, Wisconsin, sofort zu Hause fühlen. "Picket Fences" ist gewissermaßen die familientaugliche Kreuzung aus "Ausgerechnet Alaska" und "Twin Peaks" eine Mischung aus Kriminalität, Kleinstadtidyll, liebevoll gezeichneten Marotten, Beziehungsdramen und philosophischen Paradoxien, ergänzt um eine einzigartige gerichtliche Komponente.
"Picket Fences" (in Deutschland auch unter "Tatort Gartenzaun" bekannt) stammt vom Serienerfinder David E. Kelley, der zuvor für Gerichtsserien bekannt war. Die Serie überträgt das "Ausgerechnet Alaska"-Paradigma in einen rechtlichen Mikrokosmos. Die Handlung dreht sich um die Familie Brock – Sheriff Jimmy, seine Frau Dr. Jill und ihre drei Kinder – in einer Kleinstadt, die das Bild des "White Picket Fence", des weißen Gartenzauns, täglich ad absurdum führt.
Die Isolation in Rome erzeugt ständig aberwitzige Straftaten, die die Definition von Recht und Ordnung selbst in Frage stellt. Die Bereitschaft, das Überraschende und phantastisch Anmutende zu akzeptieren, manifestierte sich auch in den symbolträchtigen Besuchern: Während historische Figuren wie Kafka und Lenin in Cicely in besonderen Episoden auftraten, empfing Rome den Papst – eine klare Absage an den klassischen Realismus. Als Brückenschlag zwischen dem humanistischen Ansatz von "Ausgerechnet Alaska" und dem traumhaft-verfremdeten Universum von "Twin Peaks" gilt "Picket Fences" daher zu Recht als Weiterführung dieses Kleinstadt-Mikrokosmos.
Das Gericht als Tribunal des Irrationalen
Der größte Unterschied und zugleich die stärkste Parallele zu "Ausgerechnet Alaska" ist die Methode, mit der das Ungewöhnliche verarbeitet wird. In Cicely werden moralische Fragen philosophisch im "Brick" oder über Chris' Radio-Kanzel verhandelt. In Rome, Wisconsin, landen sie vor Gericht. Das Ungewöhnliche ist hier kein magischer Realismus, sondern groteske Kriminalität, die das Gericht als "Tribunal des Irrationalen" herausfordert.
Rome verhandelt die Folgen von Wundern und absurden Vorkommnissen, die in Cicely philosophisch behandelt würden: So landeten dort Fälle vor Gericht, in denen eine Kuh ein menschliches Baby gebar oder eine gealterte Lehrerin als "Maria" in einem öffentlichen Weihnachtsspiel protestierte. Eine Nonne wird der Sterbehilfe angeklagt, und der Bürgermeister geht durch spontane menschliche Selbstentzündung (SHC) in Rauch auf.
Medizinische und ethische Extremsituationen
Wie "Ausgerechnet Alaska" nutzt auch "Picket Fences" abstruse Prämissen, um ernste ethische Grundsatzdebatten anzustoßen, oft ausgelöst durch medizinische Extremsituationen. So muss sich die Gemeinde damit auseinandersetzen, wenn ein Junge nicht geimpft werden darf, weil seine Eltern ihn für "das Kind Gottes" halten, mit tragischen Konsequenzen. In einem anderen Fall zwingt die Geburt siamesischer Zwillinge, bei der ein Baby geopfert werden muss, um das andere zu retten, das Gericht zu einer unmöglichen moralischen Entscheidung.
Der entscheidende Gegensatz offenbart sich im "bovinen Prinzip", also in der Art, wie die Serien mit Kuriositäten umgehen. In Cicely wird sie mit Bedacht inszeniert: Während Chris Stevens also eine Kuh (letztendlich aber Maggies Klavier) katapultieren will, dient dies als philosophischer Katalysator, eine existenzielle Performance zur Anregung des Diskurses. In Rome, Wisconsin, wird jede noch so skurrile Anomalie hingegen als juristischer Notfall deklariert. Die Kuh, die ein Menschenbaby gebiert, ist hier nicht Anlass für kontemplative Deutung, sondern ein außergewöhnlicher Vorgang des Familien- und Strafrechts, der die Behörden unmittelbar in Zugzwang bringt.
Zudem musste Richter Bone über eine außergewöhnliche Causa entscheiden, in der ein Mann gerichtlich beantragte, seinen Kopf bei lebendigem Leibe einfrieren zu lassen (Kryonik), was die zentralen Autoritäten zwang, über die bürgerlichen Rechte am eigenen Körper im Angesicht des technologischen Todes zu urteilen. Ein weiteres wiederkehrendes Ärgernis war der "Froschmann", ein Einbrecher, der am Tatort stets lebende Frösche zurückließ – eine skurrile Anomalie, die in Cicely wohl als inspirierende Parabel über das menschliche Unterbewusstsein diskutiert worden wäre, aber in Rome als juristischer Fall endete.
Trotz dieser absonderlichen Elemente behandelt "Picket Fences" ernsthafte Themen wie Abtreibung, Transgender-Rechte, Euthanasie und Religion auf eine für das 90er-Jahre-Primetime-Fernsehen ungewöhnliche Weise. Genau wie in "Ausgerechnet Alaska" geht es um die Brüche zwischen tradierten Werten und neuen gesellschaftlichen Normen – nur eben in kirchlich-dorfrömischer Aufmachung.
Die Charakter-Spiegel: Das Gewissen von Rome
"Picket Fences" ist bevölkert von Figuren, die direkte Spiegelbilder des Cicely-Ensembles sind:
Der philosophische Kommentator (Richter Bone vs. Chris Stevens):
Die stärkste Analogie liegt in der Funktion des existentiellen Interpreten. Der exzentrische und scharfzüngige Richter Henry Bone (brillant gespielt von Ray Walston) ist das moralische Gewissen der Stadt. Er ist Chris Stevens, der die Radiokanzel gegen einen Gerichtssaal getauscht hat.
Wo Chris seine Gemeinde mit Zitaten von Jung oder Plato durch das Leben führt und zur Debatte einlädt, nutzt Richter Bone den Gerichtssaal für moralische Monologe, die zur juristischen Entscheidung führen müssen. Der Unterschied liegt im Stil: Chris Stevens ist der unautoritäre, einladende Prediger, während Richter Bone, durch sein Amt gezwungen, die autoritäre, wenn auch oft verzweifelte, Schlussfolgerung ziehen muss.
Richter Bone verkörpert den moralischen Kommentator: Da die lokalen Ereignisse jede Logik sprengen, ist er gezwungen, das Fundament der Moral und des Rechts täglich neu zu errichten. Sein charakteristischer Schlussruf: „Raus jetzt!“ (Now get out!) ist der erschöpfte Befehl, die juristische Sinnwidrigkeit zu beenden, im Gegensatz zu Chris' philosophischer Offenheit, die zur weiteren Kontemplation anregt.
Der rationale Mediziner (Dr. Jill Brock vs. Dr. Joel Fleischman):
Der Archetyp des rationalen Arztes im Kleinstadt-Mikrokosmos verbindet beide Serien, doch seine erzählerische Funktion könnte unterschiedlicher nicht sein. Während Dr. Joel Fleischman in Cicely als neurotischer Urbanist einen persönlichen Weltanschauungskampf führt, besteht Dr. Jill Brock in Rome als pragmatische Ethikerin ihren Dienst an der Vernunft in einem institutionellen System.
Joels New Yorker Verstandeskultur prallt am magischen Realismus Alaskas ab. Seine Versuche, Phänomene wie den O'Connell-Fluch oder Mike Monroes "Allergie gegen das 20. Jahrhundert" mit den Werkzeugen der empirischen Wissenschaft zu dekonstruieren, scheitern stets an der philosophischen Gelassenheit der Gemeinde. Seine Auseinandersetzung bleibt ein persönlicher Prozess, der nicht im Triumph der Logik, sondern in einer schwierigen Koexistenz mit dem Widersinnigen mündet.
Jill Brock hingegen sieht sich keinem Kreis von Philosophen, sondern einem Tribunal des Absurden gegenüber. In Rome wird jede Skurrilität – sei es ein Wunder oder ein medizinischer Extremfall – unmittelbar zum Fall. Ihr Wissenschaftsverständnis kollidiert nicht mit Esoterik, sondern mit einem Rechtssystem, das das Groteske in Präzedenzfälle übersetzt. Ihr Widerstand ist daher ein institutioneller; sie verkörpert die unerschütterliche Festung der Empirie, die in einem theatralisch-übersteigerten Justizapparat für Logik und Moral kämpft.
Während Joel also der Fisch aus dem Wasser ist, der sich fügt, bleibt Jill die Bastion der Vernunft. Beide zeigen, wie das Ökoton zwischen Rationalität und Irrationalität Spannung erzeugt – die eine Serie löst sie durch innere Wandlung, die andere durch systematische Konfrontation.
Der große Zampano (Douglas Wambaugh vs. Maurice Minnifield):
Jede dieser Städte braucht einen größeren-als-das-Leben-Exzentriker, der das Chaos nicht nur befeuert, sondern es zu seiner persönlichen Operette stilisiert. In Rome ist dies der brillante, unverschämte und emotional unersättliche Anwalt Douglas Wambaugh – ein Mann, der sich selbst gerne als "den Anwalt, den Gott für schuldig hält" bezeichnet. Wie sein Pendant, der ehemalige Astronaut und Großgrundbesitzer Maurice Minnifield in Cicely, ist Wambaugh ein grandioser Selbstdarsteller, für den die Kleinstadt die Bühne und ihre Bewohner das Statistenensemble sind.
Doch während sich Maurices Manipulationen aus einem quasi-feudalistischen Sendungsbewusstsein speisen – er will Cicely zu seiner persönlichen Vision von Zivilisation in der Wildnis formen, notfalls mit brachialer Sturheit und viel Geld –, agiert Wambaugh als anarchischer Advokat des absoluten Relativismus. Sein Antrieb ist nicht die Erschaffung einer neuen Ordnung, sondern die lustvolle Demontage der bestehenden. Maurice will ein Denkmal aus Beton hinterlassen (im wörtlichen und übertragenen Sinne), Wambaugh will das Rechtssystem als Spielwiese für seine rhetorischen Egotrips nutzen, stets auf der Jagd nach der lukrativen oder einfach nur skurrilen Klage.
Der entscheidende Unterschied liegt in ihrer finalen Loyalität. Beide sind sie Meister der Inszenierung: Maurice, der in seiner Vergangenheit als NASA-Pilot und Soldat schwelgt; Wambaugh, der vor Gericht mit Shakespeare-Zitaten und theatralischen Zusammenbrüchen um juristische Punkte feilscht. Doch Maurices Arroganz ist letztlich die Fassade eines Mannes, der im Kern tief verbunden ist mit Cicely und seinen Bewohnern. Sein scheinbar tyrannisches Gebaren entspringt einer fehlgeleiteten, aber ehrlichen Fürsorge – er will das Beste für seine Stadt, auch wenn er es radikal falsch angeht. Sein Herz ist, wenn auch oft hinter Cholerik und Ego vergraben, am rechten Fleck. Wambaughs radikaler Egoismus hingegen stürzt ihn immer wieder in existenzielle moralische Krisen, die unter der schrillen Fassade des Zynikers ein funktionierendes, aber stets mit sich selbst haderndes Gewissen erahnen lassen.
Sie sind zwei Seiten derselben Medaille: der eine ein patriarchalischer Visionär, der andere ein anarchischer Clown. Beide sind sie unverzichtbare Störfaktoren, die ihre Gemeinschaften durch ihre Extravaganz gleichermaßen provozieren wie definieren.
Die Meta-Groteske: Der Elefant im roten Raum
Die "Elefant und Zwerg"-Episode ("Mr. Dreeb kommt in die Stadt") markiert die absolute Spitze der Absurdität und eine unverkennbare, augenzwinkernde Reverenz vor "Twin Peaks". In einer grenzüberschreitenden Groteske reitet Michael J. Anderson – jener Schauspieler, der in dieser Serie als "Der Mann aus einem anderen Ort" zur Ikone des Surrealen wurde – auf einem Elefanten in die Stadt ein, den er aus moralischer Empörung über tierquälerische Zirkuspraktiken befreit hat.
Doch was er mitbringt, ist nicht die Finsternis "Twin Peaks", sondern nur ihr Nachhall, der in der Luft vibriert wie eine falsche Note im Orchester. So fällt ein Schattenflackern aus David Lynchs "Red Room" in die juristische Realität von David E. Kelley und wird postwendend zum Fall. Das Außergewöhnliche, das Cicely philosophisch erforscht und in "Twin Peaks" metaphysisch bedrohlich aufgeladen wäre, muss in Rome, Wisconsin, vor Gericht verhandelt werden. Der Elefant, der in einer anderen Serie ein Orakel oder ein Omen wäre, landet hier als Streitobjekt vor Richter Henry Bone. Die Serie macht daraus eine präzise gesetzte Parodie auf sich selbst: Das Surreale muss sich der Geschäftsordnung des Gerichts unterwerfen.
Bone ist dadurch gezwungen, über den "Fall Elefant" zu verhandeln – einschließlich der Forderung des kleinwüchsigen Aktivisten nach bürgerlichen Rechten für das Tier. Zur Verhandlung steht nicht das Übernatürliche selbst, sondern nur seine ironische Übersetzung: jenes ikonische Lynch-Bild, das "Picket Fences" in juristische Logik verwandelt.
Hier beginnt jene eigentümliche Qualität der Serie spürbar zu werden: Hinter den gepflegten Lattenzäunen von Rome lauert dieselbe fundamentale Skurrilität wie in Cicely oder im Lynch'schen Universum, doch "Picket Fences" übersetzt sie nicht in Visionen oder Halluzinationen – sondern in Rechtssachen. Das Außerordentliche wird justiziabel, das Absurde verhandlungsfähig.
Und aus dieser Zivilisierung des Unvereinbaren erwächst ein weiteres zentrale Motiv der Serie – nicht metaphysisch, sondern menschlich.
Der Funke der Unvereinbarkeit: Zwei Serien, zwei Enden
Neben den juristischen und moralischen Kuriositäten lebt "Picket Fences" von der fesselnden Chemie seiner Figuren – insbesondere der Polizisten Kenny Lacos und Maxine Stewart. Ihre Beziehung ist der direkte Widerhall jener paradoxen Spannung, die Joel Fleischman und Maggie O'Connell in "Ausgerechnet Alaska" einst als "gegenseitig begehrende Unvereinbarkeit" beschrieben: die Anziehung zweier Menschen, die aus Prinzip aneinandergeraten und gerade daraus ihre magnetische Kraft schöpfen.
Maxine bringt – ähnlich wie Maggie – einen deutlichen emanzipatorischen Impuls in die Serie; Kenny bildet den rationaleren Gegenpol, vorsichtig, regelorientiert und doch stärker berührt von ihr, als er zugibt. Aus dieser Reibung, den Umwegen und Verletzlichkeiten wächst allmählich Verbindlichkeit.
Beide Paare ringen über Jahre hinweg um Nähe – doch ihre Endpunkte könnten unterschiedlicher kaum sein. Bei "Ausgerechnet Alaska" führt dieser lange Weg nicht zu einem gemeinsamen Weitergehen, sondern zu einer poetischen Schwebe. Nach Joels Flucht vor dem O'Connell-Fluch begleitet Maggie ihn in der Episode "Abschied" auf eine traumhaft überhöhte Odyssee über die Aleuten, bis sich hinter einer Schneelichtung die Smaragdstadt öffnet – Joels innere Konstante, die glitzernde Skyline seiner Heimat New York. Dort erkennt Maggie, dass Liebe in Cicely nie Besitz bedeutet hat, sondern ein Loslassen: ein stilles Verstehen, dass man den, den man liebt, nicht festhalten kann, ohne ihn zu verlieren. Ihre Beziehung endet nicht in einem Versprechen, sondern in einer offenen, schmerzhaft schönen Möglichkeit.
"Picket Fences" entscheidet sich für die irdische Alternative. Die Reise von Maxine und Kenny, durch Reibung und Trotz geführt, findet eine klare Auflösung: In der letzten Folge heiraten sie. Rome erlaubt den Liebenden, was Cicely ihnen verweigert – die Verwandlung von Spannung in Bindung, von Unvereinbarkeit in Zukunft. Die Endpunkte beider Paare markieren denselben Kontrast: Hier eine märchenhaft schwebende Möglichkeit, dort eine vollzogene, irdische Verbindung. Beide Wege zeigen, dass Liebe gerade in der Unvereinbarkeit entstehen kann – doch nur eine dieser Serien glaubt an das Happy End.
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"Six Feet Under": Der Tod als Geschäftsprinzip im familiären Mikrokosmos (2001–2005)
"Six Feet Under" (Schöpfer: Alan Ball) ersetzt die geografische Isolation Cicelys durch die emotionale und berufliche Enge des Bestattungsinstituts Fisher & Sons in Los Angeles. Obwohl die Serie in der Großstadt spielt, erschafft sie einen ähnlich geschlossenen und intimen Mikrokosmos wie Cicely. Die Serie gilt vielen als legitimer Nachfolger des Erzählerbes von "Ausgerechnet Alaska", da auch sie die existenziellen Grundfragen mit einer charakteristischen Mischung aus Humor, psychologischer Tiefe, Kunstsinn, Agnostizismus und Spiritualität verbindet.
Die allegorischen Tode, die jede "Six Feet Under"-Episode einleiten, dienen als Schocktherapie, die die emotionale Repression der Fishers durchbricht. Sie sind das Pendant zu den philosophischen Parabeln von Chris Stevens, nur dunkler und unmittelbarer mit dem Tod verknüpft.
Während "Ausgerechnet Alaska" das Absurde mit philosophischer Gelassenheit umarmt, setzt "Six Feet Under" ihm die kalte Klinge der Sterblichkeit an die Kehle. Jede Folge beginnt mit einer makabren Miniatur in schwarzem Humor: dem schicksalhaften, oft banalen Tod eines Fremden. Diese 'cold opens' sind mehr als nur narrative Aufhänger; sie sind existentielle Menetekel, die der emotionalen Verfassung der Fisher-Familie einen schonungslosen Spiegel vorhalten.
Anders als die einladenden, oft tröstlichen Parabeln von Chris Stevens im Radio von Cicely, die zur kontemplativen Teilnahme auffordern, wirken diese Tode wie eine narrative Schocktherapie. Sie reißen das wohlgeordnete Leben der Fishers mit der brutalen Willkür des Todes auf.
Doch die HBO-Produktion ist die erwachsenere, düsterere Schwester; sie klammert problematische Themen nicht aus, sondern seziert sie mit einer Intensität, die den Zuschauer noch lange nach dem Abspann grübeln lässt. Ähnlich wie bei "Ausgerechnet Alaska" vollzieht sich im Laufe der Serie ein subtiler Wandel vom Skurrilen und Komischen ins zutiefst Dramatische und Existentielle.

Skurrile Handlungsstränge im direkten Vergleich
Nehmen wir Jonathan Arthur Hanley, der von seiner eigenen Frau mit einer Bratpfanne erschlagen wird, einfach weil er sie 'langweilig' findet – eine grausig überzogene Allegorie auf die erstickende Routine und die ungesagte Wut in Beziehungen, die die Fishers mit ihrer eigenen Angst vor emotionaler Stagnation konfrontiert. Oder Emily Previn, die einsam an einem Mikrowellen-Fertiggericht erstickt – ein ebenso groteskes wie erschreckend treffendes Bild für die Isolation im modernen Konsumzeitalter.
Im krassen Gegensatz dazu stehen die bizarren Bedrohungen in Cicely. Diese sind selten gesellschaftskritische Allegorien, sondern vielmehr tief persönliche, fast mythische Prüfungen, die aus der Seele der Charaktere oder dem Geist des Ortes selbst zu entspringen scheinen. Ein perfektes Beispiel ist Maggies O'Connell-Fluch: Ihre Liebhaber sterben durch aberwitzige Unfälle, vom vergammelten Kartoffelsalat bis zum herabstürzenden Satelliten. Während Maggie den Tod als persönliche, romantische Strafe erlebt, ist es in "Six Feet Under" ein täglicher Prozess, dessen Absurdität das eigentliche kommerzielle Fundament darstellt.
Der ultimative Kontrast zum Geschäftsmodell des Bestattungswesens bei "Six Feet Under" ist Chris Stevens' Umgang mit dem Ableben seines besten Freundes Tulley in der Episode "Eine Leiche per Post". Wo die Fishers die Verstorbenen als Ware verwalten und Einbalsamierungs-Gebühren in Rechnung stellen, inszeniert Chris Tulleys Beerdigung als monumentales, kathartisches Kunst-Happening. Er erweist seinem Freund die letzte Ehre, indem er dessen Sarg – anstatt einer gewöhnlichen Bestattung zu folgen – mittels einer selbst konstruierten Katapult-Maschine in die Lüfte feuert.
Damit offenbart sich der Kernunterschied: In Cicely ist der Tod eine rätselhafte, aber letztlich sinnstiftende Kraft, die in den Kreislauf des Lebens eingewoben ist. In der Welt der Fishers ist der Tod ein undurchschaubares, alltägliches Geschäftsprinzip, dessen sinnlose Willkür die Suche nach Bedeutung im Leben erst erzwingt. Der eine Ort heilt durch die Konfrontation mit dem Wunderbaren, der andere durch die unausweichliche Konfrontation mit dem Ende.
Die Nutzung von Tieren als Brücke zum Jenseits veranschaulicht die emotionalen und spirituellen Reisen in beiden Serien. In "Ausgerechnet Alaska" glaubt Maggie O'Connell nach dem absurden Tod ihres Freundes Rick – er wird von einem herabstürzenden Satelliten erschlagen – fest daran, dass seine Seele in einem streunenden Husky weiterlebt.
In "Six Feet Under" findet diese Idee eine tiefere, tragischere Spiegelung: Nate Fisher, der älteste Sohn der Bestatterfamilie, verliert seine Frau Lisa unter mysteriösen Umständen, als sie bei einem Ausflug spurlos verschwindet und später tot aufgefunden wird. In einer Vision glaubt Nate, Lisas Seele in den Augen eines Hundes wiederzuerkennen. In beiden Szenen wird das Tier zum Medium einer metaphysischen Wahrheit: Es verkörpert die Sehnsucht nach Fortdauer, die Weigerung, Verlust als endgültig zu akzeptieren, und dient damit als Vehikel für ungelöste emotionale Bindungen zwischen den Lebenden und den Toten.
Die Poesie der kleinen Momente und der hohe Anspruch
Die Serie setzt allerhöchste Standards in Charakterzeichnung und Erzähltiefe. Bis in die kleinste Nebenrolle sind die Figuren liebevoll und vielschichtig gezeichnet, und wie in Cicely gibt es keinen Protagonisten ohne Fehler und Schwächen. Die Schauspieler und Dialoge sind von einer verflixten Authentizität, die selten in Fernsehserien gelingt.
Besonders deutlich wird die filmische Raffinesse in den unterschwelligen Kleinigkeiten, die den schwarzen Humor der Serie ausmachen. Etwa wenn ein Sanitäter einen Sack mit Leichenteilen in den Fisher-Transporter verfrachtet, die Tür zuknallt und dann mit der flachen Hand noch dreimal zum Abschied daran klopft – eine perfekte Mischung aus scheinbar respektloser Alltäglichkeit und surrealer Poesie. Diese kunstvollen Bonmots bilden das Fundament von "Six Feet Under".
Dichte Verwebung von Traum und Realität
Ein wunderbares Beispiel ist die motivische Wiederaufnahme am Ende der ersten beiden Folgen: Zunächst sieht Nate, wie sein verstorbener Vater im surrealen 'Unglücksbus' ins Jenseits davonfährt. In der nächsten Folge sitzen die Brüder selbst in ebendiesem Bus, und David schaut durchs Fenster auf die Straße und erkennt sich selbst als Vierjährigen auf den Schultern des Vaters. Diese dichte Verwebung von Realität, Erinnerung und Traum in einem wiederkehrenden Bildzitat demonstriert die narrative Raffinesse der Serie. Gleichzeitig macht sich die Serie mit beißendem Spott über die seichte Konkurrenz lustig. Wenn die Charaktere fernsehen, flimmern auf dem Bildschirm meistens die geistlosesten Serien und Talkshows, die vermutlich (ähnlich wie "Invitation to Love" bei "Twin Peaks") extra für diese Sequenzen gedreht wurden und so den eigenen künstlerischen Anspruch unterstreichen.
Der cholerische Nomenklator: Federico Diaz vs. Adam
Federico "Rico" Diaz, der hochqualifizierte "Restorative Artist" (Wiederherstellungskünstler), verkörpert den notwendigen, zynischen Kontrapunkt innerhalb des Bestattungsinstituts, ganz nach dem Vorbild von Cicelys cholerischem Koch Adam. Beide Figuren sind die cholerischen Nomenklatoren ihres Mikrokosmos: Sie sind brillante Fachleute, deren aggressive, oft vulgäre Pragmatik die naiven, emotionalen Illusionen ihrer Umgebung unerbittlich mit der Realität konfrontiert.
Ihr professioneller Perfektionismus speist sich jedoch aus entgegengesetzten Quellen. Für Adam ist die Küche ein sakraler Raum, und sein Zorn entspringt einer enttäuschten Liebe zur Perfektion. Sein missionarischer Eifer gilt dem Geschmack, der Reinheit des Produkts und der Erhebung des Essens zur Kunst. Sein Zynismus ist elitär und ästhetisch. Ricos Fähigkeit zur physischen Neuschöpfung des menschlichen Körpers (als "ultimativer Schöpfer") ist fundamental für das Geschäft, doch er ist der Outsider, dessen emotional distanzierter Pragmatismus in galligem Humor resultiert. Sein Perfektionismus ist nicht ästhetisch, sondern technokratisch; es geht um die makellose Simulation von Leben angesichts der unhintergehbaren Tatsache des Todes. Während Adam die Lebenden mit perfekter Nahrung versorgt, repariert Rico die Toten für die Lebenden – eine paradoxe, zutiefst zynische Aufgabe.
Sein Kommentar beim Einbalsamieren eines Mörders: "Er ist ein verdammter Dorito! Zermalmt ihn – sie machen einfach mehr." oder sein philosophisches Zitat über die postmortale Erektion: "Du magst tot sein, aber du bist niemals wirklich tot." demonstrieren eine tiefere, wenngleich zynisch gefärbte, Einsicht in die menschliche Natur, welche die Fishers (und Cicelys Bewohner bei Adam) lieber ignorieren würden. Diese Sprüche sind mehr als nur makabrer Humor; sie sind Abwehrmechanismen gegen das Absurde seines Berufs. Adam nutzt seinen Zorn als Schwert, um die kulinarische Mittelmäßigkeit zu bekämpfen. Rico verwendet den seinen als Schild, um sich vor der emotionalen Überwältigung durch den Tod zu schützen, den er täglich verwaltet.
Der entscheidende Unterschied offenbart sich in ihrer finalen Integration. In der warmherzigen Welt von Cicely wird Adams schroffe Genialität letztlich nicht nur geduldet, sondern als schrullige Marotte einer größeren, heilsamen Gemeinschaft einverleibt. Seine Bosheit ist theatralisch und wird durch die Beziehung zu Eve gezähmt. In der dysfunktionalen Welt der Fishers hingegen bleibt Ricos Zynismus ein permanenter, ungelöster Stachel. Seine Krise, als er seine Familie für ein konventionelles Leben verlässt, nur um zu scheitern, beweist, dass sein Pragmatismus eine fragile Fassade für eine tiefe existenzielle Verzweiflung ist. Er ist der unheilbare Zyniker in einer Welt, die seine Verbitterung ständig nährt. Beide sind sie Spiegel ihrer Welten: Der eine findet trotz allem Trost in der Gemeinschaft, der andere scheitert an der Unfähigkeit, in einer von Verlust geprägten Welt dauerhaft Trost zu finden.
Die Poesie der Isolation:
Arthur Martin und Mike Monroe als kontrastierende Außenseiter
Der exzentrische Bestattungspraktikant Arthur Martin in "Six Feet Under" verkörpert eine jüngere, neurotischere Variante des skurrilen Sidekicks, der den Mikrokosmos der Fishers mit seiner unbeholfenen Präsenz stört und bereichert. In der Gegenüberstellung mit Mike Monroe aus "Ausgerechnet Alaska" offenbart sich ein faszinierendes Studienbild zweier grundverschiedener Formen moderner Isolation, die denselben sehnlichen Wunsch nach Verbindung teilen.
Mike Monroe, der an "Multipler Chemischer Sensibilität" (MCS) leidende Anwalt, verkörpert die Externalisierung dieser Abgeschiedenheit. Seine "Allergie auf das 20. Jahrhundert" zwingt ihn in eine physische Festung – das hermetisch abgeriegelte Ballonhaus. Seine Klausur ist konkret, sichtbar und umweltbedingt. Sie ist ein Panzer, den er ablegen möchte; sein Dilemma ist existenziell: Er sehnt sich verzweifelt nach Rückkehr in die Zivilisation und zwischenmenschlichen Kontakt, wird aber von seinem eigenen Körper daran gehindert. Diese Extremsituation wirkt in der narzisstischen Ökonomie Cicelys wie ein Katalysator. Sie durchbricht Maggies emotionalen Schutzwall, der durch den O'Connell-Fluch errichtet wurde. Während Maggie normalerweise Männer aus Angst vor Verlust meidet, zwingt sie Mikes unmittelbare, fast klinische Hilfsbedürftigkeit in eine Rolle der Fürsorge und Empathie. Seine physische Isolation wird so paradoxerweise zum Türöffner für emotionale Nähe.
Arthur Martin hingegen repräsentiert die Internalisierung der Vereinsamung. Er ist nicht von der Umwelt abgeschnitten, sondern von den Codes sozialer Interaktion. Seine Isolation ist unsichtbar, psychosozial und manifestiert sich in einer tiefgreifenden Fremdheit im Umgang mit Menschen. Während Mike aus seiner Festung ausbrechen will, hat Arthur keine Ahnung, wie man die Tür überhaupt findet. Seine Unbeholfenheit, verkörpert durch die dickrandige Brille und sein steifes Auftreten, macht ihn zu einem emotionalen Fremdkörper, der die intim-dysfunktionale Dynamik der Fishers zwar wahrnimmt, sie aber weder deuten noch navigieren kann. Seine "Allergie" gilt nicht Chemikalien, sondern der menschlichen Nähe selbst.
Beide Figuren dienen als narrative Störfaktoren, deren radikale Andersartigkeit die Protagonisten zur Selbstreflexion zwingt. Mike Monroe wirkt als therapeutischer Katalysator von außen: Seine extreme Situation zwingt Maggie, ihr eigenes emotionales Vermeidungsverhalten zu überwinden. Arthur Martin wirkt als permanenter Spiegel von innen: Seine unbeabsichtigte soziale Unbeholfenheit und seine skurrilen Kommentare zum Tod (etwa seine pedantische Hingabe an die Etikette des Bestattungswesens) halten den Fishers stets ihre eigenen kommunikativen Defizite und verdrängten Ängste vor. Beide sind sie lebendige Paradoxa: Sie sehnen sich nach Zugehörigkeit, doch erst ihre Unfähigkeit, Teil der Gemeinschaft zu sein, macht sie zu unverzichtbaren Werkzeugen der emotionalen Entwicklung für jene, die sie umgeben.
Diese Gegenüberstellung zeigt, wie beide Serien das gleiche archetypische Element – den Außenseiter als Katalysator – nutzen, es aber den jeweiligen Tonlagen ihrer Welten anpassen: Während Cicely die physische Abgeschiedenheit überwindbar und heilsam macht, durchleuchtet das Bestattungsdrama sie als chronischen, inneren Zustand.
Die progressive Darstellung von Homosexualität
Beide Serien leisteten Pionierarbeit in der Darstellung komplexer, nicht-klischeehafter homosexueller Beziehungen, die zu zentralen Säulen ihrer jeweiligen Gesellschaften wurden – allerdings in grundverschiedenen zeitlichen und tonlichen Kontexten.
In "Ausgerechnet Alaska" verkörpern Ron Bantz und Erick Hillman, die ehemaligen US-Marines und Inhaber des "The Sourdough Inn", das Ideal einer vollständig integrierten Homosexualität. Ihre Beziehung wird nicht als Problem thematisiert, sondern als selbstverständlicher Teil des Gemeinschaftslebens in Cicely. Die eigentliche Dramatik entsteht von außen, wie in der Folge "Turbulenzen" deutlich wird: Als der panische Erick vor der Hochzeit fliehen will, ist es ausgerechnet der homophobe Maurice Minnifield, der ihn zur Umkehr bewegt und damit die Hochzeit rettet – eine ironische Brechung, die die Akzeptanz in dieser skurrilen Gemeinschaft unterstreicht.
Ganz anders setzt "Six Feet Under" den Akzent. Hier wird die Homosexualität des zutiefst religiösen und verdrängenden Bestatters David Fisher als quälender innerer Konflikt angelegt. Über mehrere Staffeln hinweg begleitet die Serie seinen schmerzhaften Weg des Coming-outs, den Kampf mit katholischen Schuldgefühlen und schließlich die Gründung einer Familie mit seinem Partner Keith Charles. Die Serie zeigt damit die mühevolle, aber ehrliche Auseinandersetzung mit den Herausforderungen von Monogamie, Arbeitsstress und gesellschaftlicher Akzeptanz im Amerika der frühen 2000er Jahre.
Während "Ausgerechnet Alaska" in den frühen 90ern das Bild einer bereits verwirklichten, konfliktfreien Integration zeigte, sezierte "Six Feet Under" ein Jahrzehnt später die psychischen und sozialen Kämpfe, die diesem Ideal vorausgehen müssen. Beide Ansätze waren für ihre Zeit gleichermaßen wegweisend.
Der sexuell befreite Katalysator:
Olivier Castro-Staal vs. Chris Stevens
Als archetypische Impulsgeber der Freiheit und Grenzüberschreitung fungieren in beiden Serien Figuren, die sich über die Konventionen ihrer Gemeinschaften hinwegsetzen. Während sich in "Ausgerechnet Alaska" diese Rolle in der Person des Radiomoderators Chris Stevens verkörpert, findet sie in "Six Feet Under" ihr urbanes, dunkleres Pendant im Kunstlehrer Olivier Castro-Staal.
Chris Stevens ist der romantische Freigeist und Autodidakt, dessen Weisheit sich nicht aus akademischen Quellen, sondern aus den Abgründen eigener Erfahrung – Haft und Drogenexzess – speist. Seine Freiheit manifestiert sich in philosophischen Radiomonologen und einer lebensbejahenden, spirituell geprägten Erotik. Er wirkt als 'Verwundeter Heiler', dessen Wärme und Offenheit die Menschen in Cicely zur Selbstreflexion einlädt.
Ihm steht Olivier Castro-Staal als ästhetischer und sexueller Freigeist mit akademischem Hintergrund gegenüber. Seine Befreiung ist keine errungene, sondern eine inszenierte; seine Haltung wirkt kalkuliert, kalt und intellektuell distanziert. Wo Chris verbindet, dringt Olivier ein – er durchbricht die psychosexuelle Stasis der Figuren um sich herum, weniger aus empathischer Neugier als aus einer fast klinischen Faszination für die Destabilisierung.
Damit werden beide zu Lehrern ihrer Communities, doch ihre Botschaften und Methoden sind fundamental verschieden: Chris' philosophische und künstlerische Impulse zielen auf Heilung und Verbindung, während Oliviers ästhetische und sexuelle Interventionen die post-konventionelle Moral von "Six Feet Under" verkörpern – ein dunkler, urbaner Spiegel zu Chris' optimistischem Ideal der freien Liebe.
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Das Erbe des narrativen Mikrokosmos –
Von Cicely ins Labyrinth von Lumon
Wenn "Ausgerechnet Alaska" als die definierende Serie der 1990er Jahre für eine sinnsuchende, philosophisch gelassene Kontemplation gilt, so erwies sie sich als architektonischer Grundstein für ein ganzes Genre des seriellen Erzählens. Die hier untersuchten Serien – "Twin Peaks", "Picket Fences" und "Six Feet Under" – erwiesen sich nicht als isolierte Phänomene, sondern als eigenständige Variationen eines gemeinsamen Prinzips: der Schaffung eines narrativen Ökotons, eines Mikrokosmos als Schmelztiegel, in dem Rationalität und Irrationalität, Alltag und Transzendenz aufeinandertreffen.
"Twin Peaks" entpuppte sich als dystopischer Zwillingsbruder Cicelys, der die heilende Kraft der "White Lodge" durch den kosmischen Horror der "Black Lodge" ersetzte. "Picket Fences" übersetzte das Paradigma in die Sprache des Rechts und bewies, dass Absurdität justiziabel sein kann. "Six Feet Under" schließlich verlagerte den Mikrokosmos in die emotionale Enge eines Familienbetriebs und erhob den Tod selbst zum Katalysator existenzieller Fragen.
Ihr kollektives Vermächtnis liegt nicht primär in der technischen Perfektion, die das Goldene Zeitalter der Serien mit Meisterwerken wie "Breaking Bad", dessen noch komplexerem und phantastischerem Prequel "Better Call Saul", der epochalen Fantasy "Game of Thrones" oder der düsteren Dystopie "The Handmaid's Tale" später vorführte. Der unschätzbare Wert von "Ausgerechnet Alaska" und seinen geistigen Verwandten liegt vielmehr in ihrer Pionierarbeit, überhaupt erst jene narrativen Experimentierfelder erschlossen zu haben.
Die Erweiterung des Mikrokosmos: Vom Außen ins Innere
Dass diese Tradition bis heute lebendig ist und ihre philosophische Tragweite ungebrochen wirkt, zeigt das zeitgenössische Serien-Juwel "Severance". Die Serie erzählt nicht nur das Gedankenexperiment eines chirurgisch geteilten Bewusstseins, sondern formt daraus ein visuelles Kunstwerk: eine Komposition aus minimalistischer Bildsprache, geometrischer Büroarchitektur, präzise gesetzten Farbkontrasten und Dialogen, die mit fast literarischer Sorgfalt gebaut sind. Die beispiellose Gesellschaftskritik – eine Anatomie moderner Arbeitsorganisation, Überwachung und Entfremdung – macht "Severance" zu einer der schärfsten allegorischen Diagnosen unserer Zeit.
Im Zentrum steht Mark Scout, der nach dem Verlust seiner Frau die "Severance"-Prozedur über sich ergehen lässt. Sein Bewusstsein wird in zwei voneinander isolierte Identitäten geteilt: Der "Outie" schleppt eine unaufgearbeitete Trauer durch ein leer gewordenes Privatleben, während der "Innie" als Büroangestellter im hermetischen Labyrinth von Lumon Industries existiert – ohne Erinnerung an sein privates Alter-Ego, ohne Geschichte, ohne Herkunft. Diese radikale Spaltung verwandelt den Arbeitsplatz in einen Mikrokosmos totalitärer Kontrolle, in dem die Figuren erst mühsam zurückfinden müssen zu Empathie, Integrität und der Vorstellung eines inneren Ganzen.
Besonders aufschlussreich ist die Charakterverwandtschaft zwischen Dale Cooper und Mark Scout – zwei Suchende, die mit stillem Optimismus und moralischer Beharrlichkeit durch unbegreifliche Systeme navigieren. Mark Scotts reduzierte, fast asketische Erscheinung erinnert optisch wie charakterlich an Coopers ikonische Silhouette und positioniert ihn als dessen modernen, existentialistisch gerahmten Wiedergänger. Die narrative Grenzzone des Ökotons wird bei "Severance" nicht mehr geografisch verortet, sondern direkt in das menschliche Bewusstsein verlegt. Der Keller von Lumon wird zum klaustrophobischen Anti-Cicely, einem System abgespaltener Identitäten, in dem der Konflikt zwischen verschiedenen Facetten des eigenen Selbst ausgetragen wird.
Doch die tiefste Verbindung liegt in der gemeinsamen, zutiefst humanistischen Botschaft. "Ausgerechnet Alaska" feiert die Heilung durch Gemeinschaft; "Severance" kämpft für die Heilung des zersplitterten Selbst. Während Cicely den Einzelnen in eine offene, skurrile Gemeinschaft integriert, müssen die Innies von Lumon sich erst aus einer zerstörerischen Systemlogik befreien, um überhaupt als ganze Menschen existieren zu dürfen. Der lebensbejahende Impuls ist jedoch derselbe: die Sehnsucht nach Ganzheit, Wahrheit und Verbindung.
Die Rebellion von Helly R., die beharrliche Neugier von Mark Scout und die verbotene Zuneigung zwischen Irving und Burt sind moderne Entsprechungen jener empathischen Strahlkraft, die einst die Bewohner von Cicely antrieb – nun transformiert, aber ungebrochen.
"Severance" erbt also nicht nur die strukturelle DNA des Ökotons, sondern auch dessen Seele. Beide Serien vertrauen auf die unbesiegbare Kraft des menschlichen Geistes, sich gegen die Absurdität der Existenz zu behaupten – sei es durch philosophische Gelassenheit im Norden Alaskas oder durch inneren Widerstand in den fluoreszierenden Korridoren eines Großkonzerns. Sie zeigen, dass das von "Ausgerechnet Alaska" gesetzte Fundament nicht nur stabil ist, sondern bis heute den fruchtbarsten Boden für die dringlichsten und menschlichsten Geschichten unserer Zeit bildet.
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