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Cicely für Ortsfremde



Cicely is a State Of Mind

"Charme, Sophistication und Leichtigkeit bilden seit jeher die Eckpunkte einer viel zu seltenen, etwas anderen Form der Subversion - wie eben in Ausgerechnet Alaska. Also los, erinnern wir uns! An den unter die Hinterwäldler geratenen Dr. Fleischman, der immer nur zurück nach Hause wollte und selbst von dem Mädchen mit dem phänomenalen Lächeln nicht so recht zu überzeugen war..." Sky Nonhoff

Viel treffender und schöner als der Journalist und Kritiker Sky Nonhoff kann man den wesentlichen Aufhänger der Ausnahmeserie Ausgerechnet Alaska auf den Punkt bringen...
Aber auch wenn der jüdische Großstadtneurotiker Joel Fleischman gezwungen wird, das Stipendium für sein Medizinstudiums in Cicely (einem provinziellen 840-Seelen Nest mitten in der Wildnis von Alaska) abzuarbeiten und an der fremden Kultur, den frugalen Lebensverhältnissen und an der familiären Dorfgemeinschaft zu verzweifeln droht, wäre es ungerecht, die Serie nur auf den "New-Yorker mit Heimweh" zu reduzieren, - denn
Ausgerechnet Alaska lebt von all den fabelhaften Protagonisten, die erstaunlicherweise gerade dadurch authentisch und liebenswert wirken, weil sie fast alle mit unvorteilhaften Eigenarten aufwarten.
Allerdings geht es um so viel mehr, als nur um eine Handvoll außergewöhnlicher Menschen, die in einem idealistischen Mikrokosmos drollige Abenteuer erleben.
Es geht darum, daß offensichtlich auch ein intelligentes, anspruchsvolles Format jenseits von so abgehalfterten Comedy-Fossilen wie "Al Bundy" massentauglich sein kann, solange es nur in einem unterhaltsamen Rahmen steckt. Das ehrgeizige Projekt der beiden Produzenten Joshua Brand und John Falsey ist geglückt, - und zwar ganz ohne Lachkonserven und abgedroschenen Stereotypen. 1993 übernahm David Chase als Kreativkopf das Ruder, er hat bei "Detektiv Rockford - Anruf genügt" viel Erfahrung gesammelt und schreib später mit "Die Sopranos" bahnbrechende Fernsehgeschichte. Er hob die Serie auf ein neues Level mit noch mehr Tiefgang und genreübergreifenden Ambitionen.

In den Vereinigten Staaten wurde "Northern Exposure" in den Printmedien als "The Coolest Show Ever" gefeiert, während Ausgerechnet Alaska hierzulande leider quotentechnisch sowohl die Chefetagen von RTL als auch VOX enttäuschte, was allerdings nicht zuletzt an den unattraktiven Sendeterminen lag. Doch an der Qualität der Serie gibt es unter Kritikern keinen Zweifel. Mit sechs Staffeln, bestehend aus einhundertzehn Folgen, hat Ausgerechnet Alaska auf allerhöchstem Niveau neue Standards gesetzt, die später noch viele bekannte Serien beeinflusst haben. Mehr oder weniger offen ahmen vergleichsweise gute Sendereihen von "Picket Fences" über die (wie ich persönlich finde) allgemein überschätzte "Ally McBeal" bis hin zu den eher armseligen "Men in Trees" die Ausnahmeserie Ausgerechnet Alaska nach. Überall lassen sich Anleihen entdecken, wenn man sich tatsächlich die Mühe machen und sich durch die oft drittklassigen Plagiate quälen würde.



Doch obwohl
Ausgerechnet Alaska so viele Alaska-spezifische Probleme wie Alkoholismus, Selbstmord oder Depressionen weitestgehend ausklammert, ist Cicely mit seinen komplexen Charakteren kein Utopia.
Da wäre natürlich Joel Fleischman, der New York dermaßen verinnerlicht hat, dass er mit seinen schizoiden Großstadtallüren die geduldigen Cicelianer bestenfalls konsterniert. Da ist die impulsive Maggie O'Connell, die den weiblichen Part einer diffizilen Beziehung zwischen den beiden "gegenseitig, begehrenden Unvereinbaren" (Maggie & Joel) bildet. Da ist die schrullige Ruth-Anne Miller, die einerseits erstaunlich liberal auftritt und dann doch so ekelhaft kompromisslos und dogmatisch sein kann, dass man vor Wut in den Teppich beißt. Oder die stoische Sprechstundenhilfe Marilyn Whirlwind, der man am liebsten persönlich in den Hintern treten möchte, wenn sie wieder mal nur einsilbig und phlegmatisch auf einen dieser herrlichen, cholerischen Anfälle des Doktor Fleischman reagiert. Da ist der gutmütige Holling Vincoeur, der aus einer rücksichtslosen Aristokratenfamilie abstammt und doch das Herz der unbedarften "Miss Northwest-Passage" Shelly Tambo erobern konnte, weil er sich von der Bosheit seiner Ahnen distanziert. Da ist das schwule Paar, Ron und Erick, die erfreulicherweise keines der üblichen tuntigen Klischees erfüllen, die gerade in amerikanischen Komödien und Serien so gerne bemüht werden. Diszipliniert, geschäftig und durchaus zynisch führen sie ihre kleine Frühstückspension am Rande der Stadt. Großartig sind auch Adam und Eve: der psychopathische Meisterkoch, Gourmet und Obskurant, der hinter jeder Ecke eine Intrige vermutet (und man als Zuschauer jedesmal im Unklaren gelassen wird, ob er nun paranoid oder genial ist) und seine hochgradig hypochondrische Gattin, die unbedingt einen Arzt in ihrer Nähe haben will und deshalb in einer Folge Joel bei sich zu Hause niederschlägt und in Ketten legt. Nicht zu vergessen natürlich der reaktionäre, homophobe Ex-Astronaut Maurice Minnifield, der immer wieder mit seinem beachtlichen Vermögen Cicelys Aufschwung einzuläuten versucht und dabei auf eine gepfefferte Rendite spekuliert. Doch nichts ist ihm so verhaßt wie Mitleid oder Almosen. Als ihm in einer Lebenskrise seine Sozialversicherung eine Auszahlung ankündigt, teufelt er: "Ihr steckt mir Nadeln in die Puppe!" und wehrt sich gegen den gesellschaftlichen Voodoo auf seine ganz persönliche, trotzige Art und Weise. Aber im Gegensatz zu seinem Logen-Bruder Lester Haynes hat Maurice kein Herz aus Stein. Während der verkorkste Patriot Minnifield trotz seines privilegierten Reichtums menschlichen Anstand bewahrt hat, ist sein indianischer Rivale Haynes völlig entwurzelt; der Kapitalist hat keinerlei Bezug mehr zu seiner Kultur und geht über Leichen.
Und gerade diese raffinierten Analogien machen den Unterschied zu anderen Serien, denn
Ausgerechnet Alaska atmet geradezu Symbolik, Metaphern und Mythen. Unterschwellig und amüsant bringt sie dem Zuschauer Psychologie, Philosophie und Literatur näher, ganz ohne den moralinsaurem Beigeschmack einer "Bill-Cosby-Show"! Oder wie ein schlauer Kopf in dem Zuschauerforum des Kulturkanals ARTE einmal über Ausgerechnet Alaska schrieb: "Welche Serie befasst sich denn sonst mit Literatur von Dostojewski bis Thoreau, von Heidegger bis Tolstoi? Welche Serie setzt sich ernsthaft, wenn auch oft mit leiser Ironie, mit den Texten Joseph Campbells, mit der Frage, was Kunst ist, mit Katholizismus, Judentum und Agnostik auseinander?" Und auf dieser Erkenntnis will ich jetzt erst einmal weiterreiten, bis der Klepper zusammenbricht:

Ed Chigliak beispielsweise symbolisiert den Schmelztiegel Cicely. Der indianische Waise verkörpert zu gleichen Teilen Weiße als auch indianische Kultur. Einerseits zum Heiler berufen, andererseits dem Kino verfallen, versucht er, sich in seiner Welt zu Recht zu finden. Diese innere Zerrissenheit zwischen Schamane und Drehbuchautor, zwischen Stammes-Mythologie und den Hollywood-Geschichten macht ihn gleichzeitig liebenswert und bedauernswürdig, denn er stolpert orientierungslos durch die Serie, besessen und gepeinigt von seinem Dämon "Geringe Selbstachtung".
Auch der "O'Connell-Fluch" ist solch ein phantastisches Paradoxon. Die Liebe der emanzipierten Buschpilotin Maggie O'Connell rafft früher oder später alle ihre Liebhaber auf irrsinnigste Weise dahin. Das ist emotionale Algebra... und weder der Superallergiker Mike Monroe noch Joel Fleischman sind in der Lage, Maggies Liebe dauerhaft zu erwidern und damit die Gleichung ausgewogen zu gestalten. Sie flüchten, bevor sie sterben (müssen)!
Oder der Schamane Leonard, der in einer Episode versucht, das "kollektive Unterbewußte der Weißen" anhand deren Mythen und Legenden zu lokalisieren und dabei erkennen muss, dass die Geschichten, die er sich erzählen lässt, keinerlei Sinn ergeben und Chris weiß auch warum: "Die Massenproduktion hat den Kapitalismus eingeleitet, aber das hat das Individuum geschwächt, das daraufhin Gott getötet hat und wir - als Gesellschaft - haben das Vakuum mit Angst und Paranoia gefüllt".
Wie kritisch und humorvoll die Serie sich selbst analysiert, zeigt ein Beispiel: Über fünf Staffeln haben die Drehbuchschreiber den intellektuellen Radio-DJ und Frauenschwarm Chris Stevens zum absoluten Publikumsliebling aufgebaut, nur um ihn dann in einer einzigen Folge von einer Bauchrednerpuppe, dem "hölzernen Amerikaner", zu demontieren. Die geistreichen Aphorismen (quer durch Literatur & Philosophie) und psychologischen Schlenker (Freud & Jung), mit denen Chris den Zuschauer begeistert hat, entpuppen sich plötzlich als viel zu anstrengend, als dass man diesen selbstverliebten, ambivalenten Schwätzer auch nur einen Tag ertragen wollte.
Ein schönes Beispiel der berühmten "Welten, die aufeinander prallen", ist die Episode, in der Joel ein prähistorisches Mammut unter einer Schneedecke entdeckt. Doch noch bevor er diesen sagenhaften Fund wissenschaftlich erforschen kann, ist schon der einheimische Trapper Walt Kupfer mit Dynamit und Kettensäge zur Stelle und macht aus dem Urviech bedenkenlos Hackfleisch... So setzt jeder seine Prioritäten!
Oder die Geschichte, in der Ruth-Anne mühselig versucht, italienisch zu lernen, damit sie Dantes "Göttliche Komödie" im Original lesen kann und dabei mißgünstig feststellt, dass die naive Shelly ihr unglaubliches Talent für Fremdsprachen gnadenlos vergeudet.




Viele weitere, wunderbare Handlungen gäbe es zu erzählen, die in der Regel nie nur zu Unterhaltungszwecken ausgedacht wurden, sondern stets ein philosophisches Motiv besitzen: zum Beispiel vom Maggies katapultierten Klavier oder von Bob, "dem fliegenden Mann", oder von Rabbi Schulmans Besuchen in Cicely oder als Chris der Wintersonnenwende mit Goethes letzten Worten "Mehr Licht!" ein Schnippchen schlägt oder wie es dem leibhaftige Satan (in der jämmerlicher Gestalt eines schmierigen Badewannenvertreters) beinahe gelingt, Shelly zu verführen oder... - aber all das könnt Ihr ja jetzt erfreulicherweise auf
DVD oder "SD on Blu-Ray" und neuerdings sogar in bestechender Bildqualität in echter Blu-ray-Qualität erleben. Ein wahrer Glücksfall, wenn man bedenkt, dass vor wenigen Jahren kaum noch ein Fan daran geglaubt hatte, dass diese fantastische Serie mit deutscher Synchronisation und der Originalmusik fürs Heimkino erscheinen wird.

 

 

 

Ausgerechnet Alaska setzte Anfang der 90er-Jahre nicht nur neue Akzente in der Fernsehunterhaltung: Die klugen und herzerwärmenden Geschichten dieser Serie stehen heute im krassen Kontrast zum Trumpismus, der nicht nur eine ganze Nation spaltet, sondern leider auch überall in Europa zunehmend Anhänger findet. In der englischsprachigen Fassung von Ausgerechnet Alaska wurde Donald Trump übrigens mehrmals erwähnt, und obwohl der spätere 45. US-Präsident schon damals seinen Rassismus (Stichwort: "The Central Park Five") und Größenwahn pflegte, wird er in der Serie für seine Gerissenheit und Instinkte kaum verhohlen bewundert. So brüstet sich Joel schon in der ersten Staffel vor Chris, Donald Trump persönlich zu kennen, er nennt ihn auch beifällig in der Eingangsszene der gefeierten Episode "Obdachlos", in der später Maggies Klavier geschleudert wird. Maurice rechtfertigt seine Steuerhinterziehungstricks vor Barbara Semanski mit der Bemerkung: "I bet Donald Trump doesn't pay a dime!" Rückblickend ist das vielleicht amüsant, doch verkannten die Drehbuchautoren seinerzeit den zersetzenden Charakter dieses Egomanen.
Für die meisten Freunde von
Ausgerechnet Alaska ist jedoch der tolerante Gedanke von Cicely eine Art Lebensphilosophie, in der Solidarität, Freiheit, Kultur und der Respekt vor der Natur eine wichtige Rolle spielen. Insofern möchte man jedem, der die QAnon-Fahne schwenkt, ein kämpferisches:
            "Make Cicely Great Again!" 
entgegenrufen, denn unserer Erde würde ein bißchen mehr cicelianisches Bewusstsein in vielerlei Hinsicht guttun.