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38. Das Paris des Nordens


38. Das Paris des Nordens

Während Joel abgelenkt am Autoradio herumfummelt, erwischt er mit seinem Wagen den 108jährigen Ned Svenborg. Joel versorgt den leicht verletzten Greis bei sich zu Hause. Wie sich herausstellt, hat Ned um 1909 den Wandel Cicelys vom geknechteten Nest zur unabhängigen Künstlerkolonie miterlebt: Als sich in jenen Tagen (das lesbische Paar) Roslyn und Cicely in Alaska niederließen, fanden sie den Ort als primitiven, unterdrückten Ort vor. Die emanzipierte, liberale Roslyn nutzte die Monate, in denen der Despot Mace Mobrey und sein beschlagener Adjutant Kit abwesend waren, um ein Theater zu etablieren. Die schöne und gebildete Cicely bezauberte die Einheimischen mit ihrem Charme und Tanz. Allmählich änderten die Menschen ihr primitives Verhalten, und das Kaff wandelte sich zu einem Utopia der Künstler und Freidenker, an dem täglich Neuankömmlinge eintrafen. Franz Kafka überwand hier seine Schreibblockade. Die verklemmte Mary O'Keefe half dem Schriftsteller bei "Der Verwandlung" auf die Sprünge und inspirierte ihn zu "Das Schloß". Der junge, verwahrloste Ned erhob sich aus dem Schlamm und wurde von Cicely unterrichtet. Abe und die Hure Sally wurden ein Paar. Als Mace und Kid heimkehrten, glaubten sie, in einem Paralleluniversum gelandet zu sein und versuchten die Uhr zurückzudrehen, doch die Menschen kämpften für ihre Freiheit - mit einem tragischem Opfer...

Ned Svenborg = Ed, Mace Mobrey = Maurice, Kit = Chris, Sally = Shelly, Abe = Holling, Mary O'Keefe = Maggie, Franz Kafka = Joel, Krankenschwester = Marilyn, Rhoda = Ruth-Anne


3.23 Cicely Originaltitel
Deutsche TV-Premiere: 20.10.1993 (RTL)
TV-Premiere: 18.05.1992 (CBS)


 

Diane Frolov & Andrew Schneider  Drehbuch
Rob Thompson  Regie

 

Northern Disclosure (Podcast)

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Eine ganz besondere Folge des Podcasts zum ganz besonderen Staffelfinale: Mit Cheryl Bloch ist die Frau zu Gast, die als Supervising Producer von der ersten bis zur letzten Episode die Fäden in der Hand hielt und von Rob und Janine liebevoll als "das Fundament" der Serie bezeichnet wird. Gemeinsam tauchen sie ein in die Entstehung von 
"Das Paris des Nordens" (Original-Titel: "Cicely"), einer Episode, die nicht nur das Finale der dritten Staffel bildet, sondern für Rob das absolute "Kronjuwel" von "Ausgerechnet Alaska" darstellt. Sie wurde mit Preisen nur so überhäuft: Peabody Award, drei Creative Arts Emmys (für Kamera, Art Direction und Schnitt) und ein DGA Award für Regisseur Rob Thompson. Für Rob Morrow ist es die Quintessenz dessen, die Serie ausmacht: "Die Gemeinde, die Landschaft - alles ist ein Charakter. Und diese Folge zeigt, woher dieser Charakter kommt."

Cheryl Bloch, die zuvor mit den Serienschöpfern Josh Brand und John Falsey an "Amazing Stories - Unglaubliche Geschichten" und "A Year in the Life" gearbeitet hatte, erinnert sich, wie sie überhaupt nach Seattle kam: "Ich hatte gerade ein Kind bekommen, da rief Josh an: 'Wir haben diese kleine Sommerserie, nur sechs Episoden. Du musst kommen.' Ich sagte, ich sei jetzt Mutter. Und er sagte: 'Weißt du, Cheryl, die Serie braucht eine Mutter.' Da war ich dabei." Dieses mütterliche Prinzip zog sich durch ihre gesamte Arbeit: Sie schuf ein Umfeld, in dem Kreative sich entfalten konnten, ohne ständige Kontrolle. "Josh und John delegierten mit Vertrauen. Sie gaben einem das Gefühl, dass man gebraucht wird - und dann ließen sie einen machen."

Die Idee zu dieser außergewöhnlichen Folge entstand aus einem kleinen Detail: Das Städtchen Roslyn, in dem gedreht wurde, besaß ein Wandgemälde mit der Aufschrift "Roslyn Cafe". Produktionsdesigner Woody Crocker fügte für die Dreharbeiten stets ein Apostroph hinzu, sodass "Roslyn's Cafe" daraus wurde. "Das brachte Josh und John auf die Idee: Was wäre, wenn die Stadt von zwei Frauen namens Roslyn und Cicely gegründet worden wäre?", erzählt Cheryl. "Und dann haben sie diese wunderbare Ursprungsgeschichte daraus gesponnen." Dass die Geschichte ausgerechnet von zwei lesbischen Frauen handelte, war für die Network-Verantwortlichen damals kein Thema mehr - die Serie hatte sich ihren Freiraum längst erkämpft. Nur ganz zu Beginn, erinnert sich Cheryl, habe es einen irritierten Anruf von CBS gegeben: "Wir lieben die ersten Aufnahmen, aber wo ist das Krankenhaus?" Josh Brand antwortete trocken: "Wenn Sie eine Krankenhausserie wollen, sind wir falsch bei Ihnen." Die Antwort aus New York: "Nein, nein, wir meinen ja nur..." Von da an ließ man sie in Ruhe.

Dass diese Episode überhaupt realisiert werden konnte, grenzt an ein Wunder. Cheryl Bloch verrät, dass das Drehbuch so ambitioniert war, dass das Budget fast gesprengt wurde - die Produktion kostete fast das Doppelte einer normalen Episode. Nach 22 anstrengenden Drehwochen stand das Team vor der Herkulesaufgabe, innerhalb weniger Tage eine komplette historische Stadt aus dem Boden zu stampfen. Um die Jahrhundertwende-Atmosphäre von 1909 einzufangen, wurde Roslyn komplett umgestaltet: Tonnen von Sand verwandelten die asphaltierten Straßen in staubige Wege, moderne Schilder verschwanden und das gesamte Ensemble tauchte in aufwendige historische Kostüme. Hinzu kamen Pferde, Wagen und Dutzende Statisten. "Das war das Gegenteil von Runterfahren", lacht Rob. "Wir haben nicht nachgelassen, wir haben nochmal richtig Gas gegeben."

Janine erinnert sich: "Ich habe diese Folge gerade noch mitgenommen, dann ging es für mich sofort nach Italien zu den Cliffhanger-Dreharbeiten. Ich kam freitags vom Set, flog samstags, stand montags in den Dolomiten. Und als ich Monate später zurückkam, war es, als käme ich nach Hause." Dass sie in der großen Schlussszene am Lagerfeuer fehlt (die anderen schauen in die Kamera, als sähen sie den unsichtbaren Joel an), hat genau diesen Grund: Sie war bereits auf dem Weg nach Europa. "Das war wie der Zauberer von Oz - alle reden mit dir, aber du bist gar nicht da."

Die Episode zeigt die Hauptdarsteller in völlig neuen Rollen: Rob Morrow als stotternden Franz Kafka, Janine Turner als verklemmte Mary O'Keefe, John Corbett als Mace Mobreys Adlatus Kit, Barry Corbin als Despot Mace, Cynthia Geary als Hure Sally, John Cullum als Abe – und Darren E. Burrows als den 108-jährigen Ned, der Joel die Geschichte erzählt. Janine gesteht, dass sie anfangs verwirrt war: "Warum spielt Darren den alten Mann, während wir alle uns selbst ähnlich sehen? Aber dann wurde mir klar: Das ist Neds Geschichte, er erzählt sie aus seiner Perspektive. Und Darren hat das großartig gemacht. Er hatte diese wunderbare Gravitas." Rob ergänzt: "Und es passt thematisch: Die Geschichte ist ein Lagerfeuermärchen, nicht alles muss hundertprozentig logisch sein."

Cheryl schwärmt von der Arbeit der Kostüm- und Maskenbildner unter der Leitung von Katherine Bentley: "Alles wirkte echt, benutzt, dreckig - nicht wie frisch aus der Reinigung. Das war große Kunst." Besonders die große Fest-Szene, die sogenannte "Gaia-Dance"-Sequenz, sei ein Meisterwerk der Ausstattung gewesen. "Da saß jemand mit einem Huhn auf dem Schoß im Publikum. Solche Details machen den Unterschied."

Im Kern ist die Episode eine Hommage an die Macht des Weiblichen, des Künstlerischen, des Utopischen. Besonders die Figur der Cicely, gespielt von der Gastdarstellerin Yvonne Suhor, hinterließ bei Janine einen bleibenden Eindruck. "Ihr Tanz und ihre Bildung sind der Funke, der das geknechtete Nest zum Leuchten bringt." Die Vorstellung, dass zwei Frauen eine ganze Stadt nach ihren humanistischen Idealen formen, war 1992 revolutionär - und ist es heute noch. Rob zitiert eine Zeile von Ned: "Hoffnung ersetzte Verzweiflung." Das sei nicht nur das Motto dieser Folge, sondern der ganzen Serie. Cheryl ergänzt: "Josh und John liebten das Thema Familie und Gemeinschaft. Aber sie wussten auch, dass man dafür kämpfen muss. Diese Folge zeigt, wie zerbrechlich so ein Utopia ist - und wie stark, wenn die Menschen zusammenhalten."

Rob amüsiert sich über seine Rolle als Kafka und wie die Serie es schaffte, Weltliteratur und alaskanische Wildnis so charmant zu verknüpfen. Besonders berührt ist Janine von einer kleinen Reaktion ihrer Figur Mary: Nach einer Bemerkung über Männer und ihre Mütter hat sie einen stummen Moment der Erkenntnis. "Da sieht man, wie Maggie geboren wird. In diesem stillen 'Aha' liegt die ganze spätere Figur." Die technische Umsetzung trug maßgeblich zur Magie bei: Die Kameraarbeit von Frank Prinzi verlieh der Folge einen sepiafarbenen, fast traumartigen Look, der den Zuschauer sofort in die Vergangenheit versetzt.

Cheryl Bloch, die nach 
"Ausgerechnet Alaska" eine steile Karriere als Studio- und Network-Executive machte und heute mit Leslie Linka Glatter produziert, fasst ihre Zeit bei der Serie in einem Satz zusammen: "Ich habe nie das Gefühl gehabt zu arbeiten. Jeden Morgen setzte ich mich mit einer Tasse Kaffee hin und las das Drehbuch wie eine Kurzgeschichte. Diese Drehbücher waren Kunst. Und das Team, das sie verwirklichte - vom ersten Aufnahmeleiter bis zum letzten (Film-)Editor - war eine Familie. Das gibt es so nicht wieder." Janine nickt: "Wir hatten alle das Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein. Und jetzt, 30 Jahre später, sitzen wir hier und reden immer noch darüber. Das ist das wahre Geschenk."

Zum Abschluss wird noch einmal deutlich, warum Staffelfinale in dieser Serie immer etwas ganz Besonderes waren. Sie waren nicht nur inhaltliche Höhepunkte, sondern oft auch Produktionskraftakte, die an die Grenzen des Machbaren gingen. Wie schon bei der ursprünglich als Staffelabschluss geplanten Halloween-Folge "Jenseits von Gut & Böse" oder der ähnlich konstruierten "Die Tochter des Zaren" (die als Finale der fünften Staffel vorgesehen war), zeigt sich hier die Ambition der Macher, jede Staffel mit einem Paukenschlag zu beenden. "Das Paris des Nordens" ist das vielleicht schönste Beispiel dafür: eine Liebeserklärung an die Zuschauer, die die tiefere Bedeutung des Namens der Stadt erklärt und gleichzeitig zeigt, dass Schönheit vergänglich ist, aber ihr Einfluss für immer bleibt.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschieden sich die drei von dieser außergewöhnlichen Episode - und von der dritten Staffel. Doch der Podcast geht weiter, und Cheryl Bloch verspricht: "Ich komme wieder. Für diese Serie immer."

 

Musiktitel

Each Night at Nine - Floyd Tillman
The Butterfly - Show's cast
Nearer My God to Thee - Show's cast
The Chandler's Wife - Show's cast
Intermezzo Sinfonica from "Cavalleria Rusticana" (Mascagni)


Zitate

(N)ed Svenborg: "Zwischen Angiguli

Blaufinken auf einer Kiefer. Gefahr.
Blaufinken auf einer Kiefer. Gefahr.
Hohe, alte Kiefer. Blaufinken. Blau.
Blaufinken auf der hohen, alten Kiefer. Gefahr.
Blaufinken auf der Kiefer. Blaufinken. Blau.
Blaufinken über der Kiefer.
Blaufinken über der hohen, alten Kiefer.
Oben über der hohen, alten Kiefer."





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